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Haltungsformen!
Eine artgerechte Pferdehaltung gibt
es nicht. Wir können nur versuchen, dem Ideal der natürlichen Pferdeumgebung so nahe wie
möglich zu kommen. Wie letztendlich jemand sein Pferd "hält", ist von vielen
Faktoren abhängig, die wie nur teilweise beeinflussen können. Die wohl wichtigste Frage
ist erst einmal, was sich für Möglichkeiten zur Pferdehaltung in meiner Umgebung bieten.
Gibt es dort z.B. ausschließlich Reiterhöfe mit Pferdeboxen ohne weitere
Auslaufmöglichkeit, bleibt dem Pferdebesitzer nicht viel anderes übrig, als sein Pferd
in einer mehr oder weniger großen Box unterzubringen und anderweitig für die notwendige
Bewegung des Pferdes zu sorgen. Heutzutage aber haben die meisten Pferdehalter (zum
Glück) die Qual der Wahl: Haltergemeinschaften mit Offenstallhaltung und gepachteten
Koppeln, Bauernhöfe mit Pferdeställen, Reiterhöfe mit Pensionspferdehaltung, ect.
Weitere Entscheidungskriterien sind z.B. die zur Verfügung stehende Zeit (Offenstall in
Eigenregie ist ungleich zeitaufwendiger als eine gemietete Box in einem Reitstall),
Einsatzart des Pferdes (Tunier, Hobby), die finanziellen Möglichkeiten, die eigene
Überzeugung und nicht zuletzt die gesundheitlichen Gegebenheiten des Pferdes.
Haltung im Pensions- oder
Vereinstall:
Wer als "Neueinsteiger" nach einer gewissen Zeit der reiterlichen Schulung nun
sein erstes Pferd erwirbt, wird es sich in der Regel nicht zutrauen, für dessen Schicksal
vollkommen allein verantwortlich zu sein, Pflege und Betreuung sofort in die eigenen
Hände zu nehmen. Häufig wird das erste Pferd in dem Reitbetrieb erworben, in dem man
auch die Reitstunden nahm; der Reitlehrer oder Stallinhaber hat den noch unerfahrenen
Käufer beraten, hat den Kauf vermittelt oder trat selbst als Verkäufer auf. Der Neuling
der Pferdehaltung wird dazu tendieren, seinen frischerworbenen Vierbeiner in der gewohnten
Umgebung zu belassen und die Versorgung seines Pferdes fachkundigen Menschen zu
übertragen. Dafür sprechen viele gute Gründe: Wer hauptberuflich Pferde hält,
vielleicht gar die offizielle Berufsbezeichnung "Pferdewirt" führen darf, kennt
sich mit Pferden besser aus als der Reitanfänger. Der Fachmann weiß über die passende
Futterration Bescheid, weiß mögliche Krankheitssymptome zu deuten und Kleinigkeiten zu
behandeln, ohne gleich den Tierarzt rufen zu müssen. Im gut geführten Pensionsbetrieb
erhalten alle Pferde des Bestandes im regelmäßigen Turnus ihre Impfungen gegen Tetanus,
evtl. Tollwut, Influenza; werden regelmäßig Wurmkuren durchgeführt, kommt der Schmied
zu festen Beschlagterminen.
Meist hat der Pferdebesitzer seinen Reitstall in der Nähe seiner Wohnung gewählt, das
spart Anfahrtszeit, die wiederum der Beschäftigung mit dem Pferd zugute kommen kann. Wer
reiterlich weiter gefördert werden will, braucht die Unterrichtsstunden des Reitlehrers.
Wer Turnierambitionen besitzt, wird schon gar nicht darauf verzichten wollen. Hinzu kommen
die vorhandenen Anlagen zur Reitsportausübung, Dressurviereck, Springplatz, die gedeckte
Reithalle bei schlechtem Wetter, die sonstigen Annehmlichkeiten wie beheizte Sattelkammer,
Pferdeputz- und -waschplatz, Sanitärräume, vielleicht ein gemütliches Reiterkasino -
und überhaupt der Kontakt zu Gleichgesinnten im Verein. Der Spaß beim gemeinsamen
Abteilungsreiten, die Zugehörigkeit zu einer Vereinsmannschaft ,Turnierteilnahme für die
Farben des Vereins, Vereinsmeisterschaften und viele sonstige Aktivitäten sind Argumente
für die Unterstellung des Pferdes im Vereins-/Pensionsstall.
Die genannten Vorteile kommen allerdings vorwiegend dem Pferdebesitzer und nur teilweise
seinem Pferd zugute. In der Regel hat der Pferdebesitzer nach dem Abschluß des
Pensionsvertrages kaum noch Einfluß auf die Haltungsbedingungen. Im städtischen Verein
auf knapper Fläche werden Ausläufe oder gar Weiden ohnehin fehlen; wo sie vorhanden
sind, werden sie häufig nicht genutzt, weil die Zeit zum Raus- und Reinbringen der Pferde
fehlt, weil man Verletzungen befürchtet, weil die Pferde sich beim Wälzen schmutzig
machen könnten. Die meisten Vereins- und Pensionsställe kennen den sogenannten
"Stehtag", wo zur Entlastung des Stallpersonals der Reitbetrieb ruht - damit
fällt schon jeder siebte Tag für die Beschäftigung mit dem eigenen Pferd aus.
Schließlich gibt es viele Ställe, wo das Personal nicht die erforderliche Qualifikation
besitzt; wo man befürchten muß, der Pfleger könne seinen Unmut am Pferd auslassen; wo
die Futterrationen knapp sind oder nicht die erforderliche Qualität aufweisen, wo das
Stallklima nicht stimmt, weil aus Furcht vor Zugluft die Öffnungen geschlossen sind, wo
das eigene Pferd neben hustenden Boxennachbarn stehen muß, weil separate Krankenboxen
fehlen. Die Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen seines Pferdes in unzureichenden
Pensionsställen veranlassen manchen Besitzer, eine andere Lösung zu suchen.
Vorteile:
- die Stallbesitzer kümmern sich ums
Futter (Beschaffung von Stroh, Heu, Hafer, Mischfutter) und die Fütterung der Pferde
- eventuelle Krankheiten werden schnell
erkannt
- der Stallbesitzer sorgt meist für
Impftermine, Wurmkuren und Beschlagstermine
- gute Anlagen zur Reitsportausübung
(gedeckte Reithalle, Springplatz, Dressurviereck, Sattelkammer, ect.)
- Möglichkeit von Reitunterricht
- schnelle Verfügbarkeit des Pferdes
- Pferd (in Boxenhaltung); meist
sauber, daher wenig Putzaufwand
- Kontakt zu vielen anderen Reitern;
gemeinsamme Aktivitäten (Tuniere, Vereinsmeisterschaften, ect.)
Nachteile:
- meist keinen Einfluß auf die
Fütterung des Pferdes (Menge, Art, Zeit)
- keinen Einfluß darauf, ob, wann und
wie oft das Pferd in einen Auslauf kommt
- keinen Einfluß auf das
"Stallklima" (Belüftung, Temperatur)
- ebentuell unqualifiziertes Personal
- durch hohen Pferdebestand verstärke
Ansteckungsgefahr
Haltung beim Landwirt:
Eine Möglichkeit ist zum Beispiel die Unterbringung beim Landwirt. Angesichts übervoller
Agrarmärkte und begrenzter Milchkontingente suchen manche Bauern nach Nischen der
Agrarproduktion, eine davon ist die Pensionspferdehaltung. Der Hauptvorteil ist die
vorhandene Fläche, die Weide für die Pferde im Sommer, eine Matschkoppel oder ein
Auslauf im Winter. Als professioneller Viehhalter kann der Landwirt in der Regel auch mit
Pferden umgehen, bei kleinerem Pensionspferdebestand kann Rücksicht auf individuelle
Wünsche der Besitzer genommen werden, an Futter und Einstreu mangelt es nicht, die
Unterbringung ist billiger als im Vereinsstall. Nachteilig ist der in den meisten Fällen
weitere Anmarschweg zum Pferd, oft muß man auch auf Reithalle und Reitplatz verzichten.
Nicht immer verstehen Bauern von Pferden so viel wie von ihren eigenen Nutztieren.
Stallgebäude aber, die für Kühe oder Mastschweine noch geeignet sein mögen, sind für
Pferde nicht ausreichend. Der Pferdehalter sollte sich also den künftigen Pensionshof
seines Pferdes genau anschauen, bevor er seine Wahl trifft - aber das gilt wohl für alle
Ställe.
Vorteile:
- meist viel Weidefläche vorhanden
- meist Berücksichtigung von
individuellen Wünschen der Pferdehalter
- genug Futter und Einstreu vorhanden
- Kontakt zu anderen Pferdehaltern
- bei Koppel- bzw. Paddockhaltung hat
das Pferd die benötigten Sozilakontakte zu anderen Pferden
- bei Koppel- bzw. Paddockhaltung hat
das Pferd den benötigten Auslauf und bekommt für die Gesundheit wichtige 'Reize'
(Temperaturschwankungen, Sonne, Regen, Wind). Das Pferd ist daher meist ausgeglichener als
in der Boxenhaltung.
Nachteile:
- eventuell mangelhafte
"Pferdekenntnisse" seitens des Landwirtes
- Reitplatz und Reithalle nur in
Ausnahmefällen vorhanden
- alte Schweine- oder Kuhställe sind
(ohne Umbau) nicht unbedingt zur Pferdhaltung geeignet
- bei Koppel- bzw. Paddockhaltung ist
das Pferd nicht immer sauber
- Pferd muß eventuell zum Reiten erst
von der Koppel "gefangen" werden
Haltung in Haltergemeinschaft:
Gelegentlich suchen Pferdehalter über Anzeigen in Fachzeitschriften Gleichgesinnte, um
eine kleine Stallanlage besser auszulasten - ein geeigneter Weg für den Neuling der
Pferdehaltung, Erfahrungen zu sammeln, ohne vollkommen allein auf sich gestellt zu sein.
Vorausgesetzt, daß die menschlichen Beziehungen untereinander klappen, gibt es kaum eine
bessere Lösungsmöglichkeit. Aus einzelnen Pferden einzelner Besitzer wird eine kleine
Herde, größere Aufgaben bei Stallbau, Zäuneziehen oder Heuernte verteilen sich auf
mehrere Köpfe, unterschiedliche Fähigkeiten und Talente ergänzen sich. Größere
Anschaffungen - der Kauf eines Pferdetransportanhängers, eines Wasserwagens, eines
Weidezaungeräts - belasten nicht. nur ein Portemonnaie. Ein wesentlicher, sehr
beruhigender Punkt ist die gegenseitige Vertretungsmöglichkeit der
Pferdehalter untereinander bei der täglichen Arbeitserledigung, vor allem aber bei
Krankheit, Urlaub, beruflicher Inanspruchnahme. Mehr noch als im Reitverein bringt diese
Gemeinsamkeit der Interessen und Aufgaben, der Erfahrungsaustausch, das Fachsimpeln usw.
eine Fülle von Anregungen, die den Spaß am eigenen Pferd nachhaltig erhöhen kann, wenn
- ja, wenn die menschliche Kommunikation reibungslos klappt. Die Praxis zeigt, daß das
eben doch nicht so einfach ist, daß Einsatzfreude, Kooperationsbereitschaft,
Kompromißfähigkeit, Ehrlichkeit und viele andere gute Eigenschaften dazugehören,
damit alle Pferdebesitzer einer Haltergemeinschaft am selben Strang ziehen. Ebenso wie
viele Wohngemeinschaften an den Kleinigkeiten des gemeinsamen Zusammenlebens zerbrechen,
erlebt man dies bei Haltergemeinschaften. schriftliche Verträge, die die Pflichten und
Rechte des Einzelnen in einer derartigen Gemeinschaft regeln, können das Zusammenwirken
erleichtern.
Vorteile:
- man kann sich mit Menschen
zusammenschließen, die die gleiche Einstellung zur Pferdehaltung haben
- Mitspracherecht, was und wann
gefüttert wird
- Pferd steht in einer Herde
- Pferd hat durch Koppelgang auch
außerhalb der Reitzeiten ausreichend Bewegung
- Ideenaustausch mit anderen
Pferdehaltern
Nachteile (falls man diese als
solche sehen kann... ;-) ):
- regelmäßiger Stalldienst
- Mitverantwortung und Mithilfe beim
Koppelbau, Futterbeschaffung nötig
- Impftermiene, Wurmkuren,
Beschlagstermiene müssen selber organisiert werden
- meist keine Reithalle oder Reitplatz
vorhanden
- Pferd muß vor dem Reiten von der
Koppel geholt werden und je nach Zustand recht intensiev geputzt werden
Haltung in Eigenregie:
Die Erfahrung hat gezeigt, daß die meisten Pferdebesitzer Individualisten sind, deren
Traum die eigene Pferdehaltung ist. Die Motive mögen vielschichtig sein, für die meisten
Pferdebesitzer steht aber nicht die Sportausübung - das Reiten oder Fahren - an erster
Stelle; der tägliche enge Kontakt zu einem großen lebendigen Wesen, dessen Spontanität
und Unberechenbarkeit, wird als bewußter Kontrast zu einer unpersönlichen, technisierten
Arbeitswelt verstanden. Wer sein Pferd intensiv erleben und ständig mit ihm umgehen will,
wird sich folgerichtig bemühen, es möglichst nahe bei seinem Wohnstandort
unterzubringen. Die Haltung in eigener Regie bedeutet in der Regel, daß die Pferde der
ganzen Familie nahestehen; oft sind zwei oder gar drei Generationen mit diesem Hobby
verbunden. Es gibt viele, die die Großstadt, in der sie ihren Arbeitsplatz besitzen,
verließen, um außerhalb mit ihren Pferden wohnen zu können. Es ist für sie weniger an
200 Arbeitstagen morgens und abends 30 km zur Arbeit fahren zu müssen, als dieselbe
Strecke an 365 Tagen, um die Pferde zu sehen; und außerdem hat die Familie täglich ihre
Freude mit den Tieren. So hat sich bei manchem Menschen über die erste Reitstunde, das
erste Pferd, das Leben erstaunlich verändert. Oftmals wurden die Konsequenzen, die sich
aus dem Besitz des eigenen Pferdes und dem Entschluß, dieses Pferd eigenverantwortlich zu
betreuen, ergaben, anfangs gar nicht übersehen. Man wuchs mit seiner Aufgabe,
registrierte, daß das eigene Pferd viel Geld und Zeit in Anspruch nimmt, aber arrangierte
sich so, daß die Belastung nicht mehr als Belastung, sondern als unverzichtbarer
Bestandteil des eigenen Lebens empfunden wurde.
Vorteile:
- komplette Selbstbestimmung über die
Haltung des Pfedes
Nachteile:
- für Urlaub oder Krankheit muß eine
Vertretung gesucht werden
- alle Kosten (Stall- Koppelbau und
"Zubehör") treffen einen komplett
Quelle: Handbuch der modernen
Pferdehaltung (Jens Marten / Armin Salewski; Franckh-Kosmos-Verlag) |